Corona – Beratung und Berufsorientierung auf Distanz

Wie gestaltet sich die Arbeit mit unseren Ratsuchenden und Teilnehmerinnen in den Projekten Be HOGA, Chance ergreifen und Berufseinstieg für junge Mütter? Ein Gespräch mit den Kolleginnen Johanna Betz, Regina Gillner und Hajnalka Márkus.

Mit der Pandemie hat sich die Lebenssituation für unsere Ratsuchenden drastisch verändert: Berufliche Perspektiven wie begonnene Ausbildungen und angetretenen Jobs brechen von einem Tag zum anderen weg. „Es war nicht möglich, Alternativen in der Gastronomie zu finden, weil ja die komplette Branche dicht gemacht hat“, berichtet Regina Gillner aus unserem Projekt „Be HOGA, Berufseinstieg ins Hotel- und Gastgewerbe“. Erst seit Kurzem gibt es wieder Beschäftigungsmöglichkeiten in manchen Unternehmen. Aber auch für Ratsuchende, die auf der Suche nach Einstiegsmöglichkeiten in anderen Branchen sind, sieht es mit Joboptionen nicht viel besser aus.

„Eine junge Frau aus Indien traute sich aus Angst vor Ansteckung und auch aus Angst und Unsicherheit, die gesetzlichen Bestimmungen zu verletzten, die erste Zeit überhaupt nicht vor die Tür und war hauptsächlich alleine in ihrem Zimmer“, schildert Regina Gillner die Situation einer Teilnehmerin von Be HOGA, die ihr besonders nahe ging. „In meinen Telefonaten mit ihr war deutlich wahrnehmbar, dass sie immer niedergeschlagener wurde und depressiv reagierte. Ich habe sie ermutigt sich ein Fahrrad zu besorgen, ihr sogar mein altes angeboten, damit sie ab und an mit dem Fahrrad durch den Park fahren kann und frische Luft und Bewegung bekommt.“

Befanden sich einige unserer Teilnehmenden davor schon in einer schwierigen Lebenssituation mit vielen Herausforderungen – Leben in einem fremden Land, unsicherer Aufenthaltsstatus, prekäre finanzielle Situation, zum Teil fehlende Berufs- und Schulabschlüsse und geringe Deutschkenntnisse und damit verbunden eingeschränkte Berufsperspektiven – verschärfte sich diese Situation durch das Aufkommen der Pandemie enorm. Wenn plötzlich das ganze Umfeld im Ausnahmezustand ist, lässt sich schwer die eigene Zukunft planen und neue berufliche Wege einschlagen. Die neu Zugewanderten sind stark auf sich zurückgeworfen, oft besonders isoliert.

Bildung und Beratung online

„Anbindung, Kontakt mit physischer Nähe wären da natürlich extrem hilfreich und stärkend gewesen“, befindet Regina Gillner. Bei LIFE Bildung, Umwelt, Chancengleichheit e.V. wird die komplette Bildungsarbeit auf Onlineangebote umgestellt, die in diesem Projekt unter dem Motto „Be HOGA um 11“ täglich stattfinden. Diese können den persönlichen Kontakt jedoch nicht vollständig ersetzen und funktionieren nur für begrenzte Zeit, so unsere Erfahrung nach drei Monaten der Corona-Verordnungen. „Auch die junge Frau aus Indien ist meinen Einladungen an unseren Online-Seminaren teilzunehmen nur anfangs gefolgt.“

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Seit Beginn des Corona-Lockdowns können wir auch unsere Beratungsarbeit nicht mehr persönlich durchführen und müssen auf Telefon und E-Mail umsteigen. „Und das in einer Situation, in der der Beratungsbedarf enorm zugenommen hat“, das ist auch die Einschätzung von Johanna Betz, Sozial-Pädagogin bei Be HOGA und im Projekt „Chance ergreifen“ des Jobcenters Steglitz-Zehlendorf. „Dadurch fällt ein ganzes Spektrum an kommunikativen Indikatoren weg, die uns oftmals Hinweise auf die physische und psychische Verfasstheit der Ratsuchenden gibt – Mimik, Gestik, Gang, Haltung, Stimmlage, äußerliches Erscheinungsbild, etc.“ Wenn die Beraterin eine Krise identifiziert, ist jetzt eine gezielte Intervention ohne direkten Kontakt schwer möglich. Noch schwieriger wird die Situation, wenn Beraterin und Ratsuchende keinen Vorlauf im persönlichen Kontakt haben.
„Chance ergreifen“ hat zum Ziel eine individuell passende berufliche Anschlussperspektive für zugewanderte Frauen zu entwickeln. Ohne die Einschränkungen durch die Pandemie wird dies u.a. durch berufspraktische Erprobung in verschiedenen Berufsfeldern und Exkursionen zu Ausbildungsstätten und -betrieben ermöglicht.

„Für einige der Ratsuchenden, die bei uns Bildungs- und Beratungsangebote wahrnehmen, funktioniert das Medium E-Mail kaum, da sie über geringfügige IT- und Schriftsprachenkenntnisse verfügen“, schildert Johanna Betz die Beratungssituation auf Distanz. „Auch über das Telefon war es oft sprachlich schwierig, wenn man sich nicht sehen kann.“ Geflüchtete, die in Übergangswohnheimen untergebracht sind, in denen es kein WLAN gibt, können den Video-Konferenzen in der Regel nur über das Handy folgen. Das gemeinsame Anfertigen von Bewerbungsunterlagen ist unter den Bedingungen kaum möglich.

Auf beiden Seiten sind die regulären Alltags- und Arbeitsstrukturen ausgehebelt, was Johanna Betz bei ihrer Arbeit viel Flexibilität und Kreativität abverlangt: „Die meisten Ratsuchenden befinden sich ohnehin in Warteschleifen. Wir wollen nicht, dass die sich jetzt noch länger gestalten.“ Doch gibt es Vermittlung in Sprachkurse und Praktika von einem Tag auf den anderen nicht mehr, und auch sozialpädagogische Anliegen wie die Unterstützung bei behördlichen Prozessen sind sehr erschwert.

Neue Fragen, die der Lockdown mit sich bringt, beziehen sich auf das Verstehen von Vorschriften für Alltagshandlungen und das Home Schooling der Kinder. „Hier können wir oft auch einen positiven Beitrag leisten, und einige Ratsuchenden empfinden unser regelmäßiges Melden als hilfreich und tröstlich.“ Die Sozialpädagogin berichtet von Frauen an den Grenzen ihrer Belastbarkeit – neben familiären Verantwortungen mit Kinderbetreuung, Schulaufgaben, pflegebedürftigen Angehörige und Haushalt, aber auch von selbstständigen und motivierten Ratsuchenden, in der Regel diejenigen mit hohem Sprach- und Bildungsniveau. „Sie nutzen die Zeit effektiv für Selbststudium und Recherche und freuen sich über die von uns gesetzten Aufgaben.“

In unserem Projekt „Berufseinstieg für junge Mütter“ fängt die Kompetenzerfassungswoche an einem Montag an – einen Tag vor den Schul- und Kita-Schließungen. Die Projektmitarbeiterin Hajnalka Márkus sieht sich nun mit der Aufgabe konfrontiert, die Teilnehmerinnen ohne persönliche Treffen und stattdessen per Telefon und digitale Medien kennen zu lernen und ihr Vertrauen aufzubauen.

Gerade wollten sich die jungen Frauen auf den Weg in ihre Zukunft machen mit dem Ziel, im September eine Ausbildung zu beginnen, plötzlich scheinen längerfristige Planungen wieder schwierig. „Das hat sie sehr verunsichert“, ist die Einschätzung von Hajnalka Márkus. Statt sich erstmals seit Langem wieder um sich selber zu kümmern, sind sie rund um die Uhr mit den Kindern zuhause. „Für diejenigen, die sowieso schon überfordert waren, ist das sehr belastend. Dazu kommen Ängste vor Corona.“ Die zuständige Sozialpädagogin spricht per Telefon verstärkt über Erziehungs- und familiäre Probleme. Die jungen Mütter sind dabei oft unkonzentriert, weil die Kinder immer um sie rum sind. „Es bleibt kaum Zeit für die Ausbildungsvorbereitung.“ Zumal die Praxiserprobungen bisher gar nicht stattfinden können. „Manche verschieben ihre Pläne, andere zeigen aber viel Ausdauer.“

In diesem Projekt ist ein wesentliches Element die Bildungsarbeit in der Gruppe. Die Frauen wachsen hier in der Regel zusammen und stützen und empowern sich gegenseitig. Unter Corona ist das nun nicht möglich, die Teilnehmerinnen lernen sich gegenseitig nicht richtig kenne, finden kaum zueinander – trotz gemeinsamem Videochat. Hier werden Arbeitsblätter besprochen, Methoden erklärt und längere Gespräche geführt. Eine neue Erfahrung auch für Hajnalka Márkus, und es hat sogar Vorteile: „Man sieht sofort, welche Teilnehmerin flexibel ist und ihre Ziele trotz den Schwierigkeiten erreichen will.“ Kompetenzerfassung in Zeiten von Corona.

Projekte

Berufseinstieg für junge Mütter

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Chance ergreifen

Be HOGA - Berufseinstieg ins Gastgewerbe

+49 30 308 798-36

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