Fachveranstaltung „Barrierefreie Digitaliserung in Unternehmen“

Rückblick auf die Fachveranstaltung „Barrierefreie Digitaliserung in Unternehmen“ am 25.09.2019

 

Gruppenbild Fachveranstaltung "Barrierefreie Digitalisierung in Unternehmen" am 25.09.2019

v.l.n.r.: Merve Dikme, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Wirtschafts- und Unternehmensberatung; Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin Tempelhof-Schöneberg von Berlin; Rita Eichelkraut, GF LIFE e.V.; Peter Brass, ABSV Berlin; Birgit Görlich, LIFE e.V.; Mara Höhl, GF LIFE e.V.; Silvana Schulze, DB Engineering & Consulting; Walter Fock, GF Satz-Rechen-Zentrum Berlin; Tillmann Henssler, Pfizer Deutschland; Susanne Böhmig, Stiftung barrierefrei kommunizieren!, Foto: © LIFE e.V.

Das Thema Digitalisierung ist allgegenwärtig. Ein Leben ohne digitale Medien ist nicht mehr vorstellbar. Niemand möchte sich bei dieser globalen Entwicklung „abgehängt“ fühlen. Dies gilt natürlich auch für berufstätige Menschen mit einer Behinderung. Daher setzte die diesjährige Fachveranstaltung der Initiative „Inklusion gewinnt“ ihren Schwerpunkt auf das Thema „barrierefreie Digitalisierung in Unternehmen“.

Mehr als 50 geladene Gäste aus der Berliner Wirtschaft konnten am 25. September durch die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg Frau Angelika Schöttler und die Geschäftsführerin von LIFE e.V. Frau Rita Eichelkraut begrüßt werden.

Foto Angelika Schöttler während ihrer Eröffnungsrede

Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin Tempelhof-Schöneberg von Berlin, Foto: © LIFE e.V.

„Ich bin überzeugt, dass das Thema „Arbeit und Behinderung“ weiterhin an Bedeutung für Unternehmen gewinnen wird“, so Angelika Schöttler in ihrer Eröffnungsrede. Ganz besonders gelte dies für den digitalen Transformationsprozess in Unternehmen. Weiter betonte die Bezirksbürgermeisterin, dass Unternehmen mit einem barrierefreien Intranet-Auftritt oder mit barrierefreien firmeninternen Kommunikationssystemen qualifizierte Fachkräfte halten können, die im Laufe ihres Berufslebens eine Sehbehinderung erworben haben. Ebenfalls können gut ausgebildete Fachkräfte für Unternehmen gewonnen werden, die auf digitale Barrierefreiheit auf Grund einer Behinderung angewiesen seien.

Impulsreferat zur barrierefreien Digitalisierung

„Barrierefreiheit für alle muss immer wieder thematisiert und gesetzlich verankert werden, sonst wird sie vergessen“, so Gastrednerin Susanne Böhmig von der „Stiftung barrierefrei kommunizieren!“. Barrierefreiheit in Unternehmen heiße, dass alle mit ihren unterschiedlichen Geräten und Zugängen auf die gleichen Angebote, Informationen und Produktionsprozesse zugreifen können. Dabei gelte es die vier Prinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit zu beachten.

„Wahrnehmbarkeit heißt, dass Inhalte so zu gestalten sind, dass sie ohne Informations- oder Strukturverlust in unterschiedlicher Weise präsentiert werden können. Bedienbarkeit bedeutet, dass unterstützende (assistive) Computertechnologien wie Vorlesesoftware, Spracheingaben, Vergrößerungssoftware und Tastaturen sowie Navigationselemente der Medien bedient werden können müssen. Verständlichkeit bedeutet, dass die Informationen und die Bedienung der Benutzerschnittstelle verständlich sein müssen. Robustheit meint, dass die Kompatibilität mit Benutzeragenten einschließlich assistiver Technologien sicherzustellen ist“, erläuterte Susanne Böhmig.

Foto Susanne Böhmig während ihres Impulsreferats

Susanne Böhmig, „Stiftung barrierefrei kommunizieren!“, Foto: © LIFE e.V.

Vorteile barrierefreier Digitalisierung in Unternehmen nach Böhmig

  • Es entstehen deutlich weniger Probleme, bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung, da die entsprechenden Arbeitsplätze einfach angepasst werden können.
  • Durch eine übersichtliche, logische Konzeption und Navigation finden sich alle Mitarbeitenden besser zurecht.
  • Alles was für blinde Menschen lesbar ist, ist auch für Maschinen lesbar, zum Beispiel für Auswertungen, automatische Erstellung von Inhaltsverzeichnissen etc.
  • Starke Kontraste sind für das menschliche Auge angenehm und entlastend, nicht nur bei Vorliegen einer Sehbehinderung.
  • Untertitelte YouTube-Videos kann man bei der Arbeit schauen.
  • Bei transkribierten Podcasts kann man wählen, ob man lieber hört oder liest.
  • Der bewusste Einsatz einer „einfachen Sprache“ erleichtert auch den Zugang für Senior*innen und Menschen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen.
  • Das Unternehmen erlangt Vorteile bei der Vermarktung seiner Angebote.

Handlungsempfehlungen für Unternehmen von Susanne Böhmig

  • Das Thema „barrierefreie Digitalisierung“ als Chefsache definieren und dazu einen Umsetzungsverantwortlichen benennen.
  • Die notwendigen Prozesse mit allen Beteiligten entwickeln.
  • Experten in eigener Sache hinzuziehen.
  • Bei neu anzuschaffender/ neu zu entwickelnder Software/ Updates barrierefreie Angebote wählen.
  • Tests auf Barrierefreiheit fortlaufend durchführen, nicht nur am fertig gestellten Produkt.
  • Auf Referenzen bezüglich Erfahrung in barrierefreier Programmierung der Anbieter achten.
  • Im Vertrag festlegen, welchem Standard das Produkt entsprechen soll
    (WCAG 2.1., BITV 2.0).
  • Verbindliche Anleitung erstellen, in der beschrieben wird, wie die Barrierefreiheit der Seite/ der Dokumente erhalten bleibt und welche Schritte unabdingbar sind.
  • PDFs: komplizierte PDFs von Fachleuten erstellen lassen.

Zur barrierefreien Power Point Präsentation „Barrierefreie Digitalisierung in Unternehmen“ von Susanne Böhmig vom 25.09.2019

Gesprächsrunde über Erfahrungen und Tipps zur barrierefreien Digitalisierung

Vertreter*innen der Unternehmen Daimler, DB Engineering & Consulting, Pfizer Deutschland und Satz-Rechen-Zentrum Berlin sowie Vertreter*innen der beratenden Institutionen Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) und dem Integrationsfachdienst Süd konnten in der anschließenden von Birgit Görlich, LIFE e.V., moderierten Gesprächsrunde von ihren vielseitigen Erfahrungen mit der Umsetzung einer barrierefreien Digitalisierung im Unternehmen berichten.

Daimler-Konzern

„Initiiert durch die Gesamtschwerbehindertenvertretung (GBSV) wurde im Daimler-Konzern 2018 die Aktion „Barrierefreiheit“ mit dem Fokus „Digitalisierung“ ins Leben gerufen“, erinnert sich Gesamt- und Schwerbehindertenvertreterin Manuela Enslen vom Mercedes-Benz Werk Berlin.

Manuela Enslen berichtete, dass in einem ersten Schritt ein Arbeitskreis mit im Unternehmen tätigen IT-Experten, Kommunikator*innen, Layouter*innen, Diversity- und Inklusionsbeauftragten sowie einer externen Expertin für Kommunikation und digitale Barrierefreiheit von der „Bundesfachstelle für Barrierefreiheit“ gebildet wurde. Der Arbeitskreis analysierte den Ist-Zustand, diskutierte mögliche Zielsetzungen und Zuständigkeiten und regelte die künftige Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Unternehmensbereichen.

Foto Manuele Enslen während ihres Redebeitrags

Manuela Enslen, Gesamt- und Schwerbehindertenvertreterin Mercedes-Benz Werk Berlin, Foto: © LIFE e.V.

„In einem zweiten Schritt legte der Arbeitskreis zwei verbindliche Ziele fest:

  • Erarbeitung von Standards und Empfehlungen zur Entwicklung und Gestaltung barrierefreier Webseiten und Apps sowie
  • die Sensibilisierung der Belegschaft.

Für die Entwicklung und Gestaltung von barrierefreien Webseiten und Apps beschlossen wir die vier Standards Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit. Als Empfehlungen formulierte der Arbeitskreis:

  • Text und Bild mit starken Kontrasten wählen,
  • serifenlose Schriftarten verwenden,
  • Audiomöglichkeiten nutzen,
  • einheitliche Format- und Rangfolgen verwenden und
  • „einfache Sprache“ nutzen.

Für die gewünschte Sensibilisierung der Belegschaft erstellte der Arbeitskreis u.a. Poster mit Tipps zur digitalen Barrierefreiheit, plante Aktionen zum „DiversityTag“, ließ die Schrift auf der Einstiegsseite des Intranets verschwimmen oder verteilte Brillen, die eine Sehbehinderung simulieren“, erläuterte die Gesamt- und Schwerbehindertenvertreterin.

Die Nutzung von Apps im Daimler-Konzern habe, laut Manuela Enslen, ebenfalls eine hohe Bedeutung. „Daher wurden auch hierfür Standards festgelegt. Drei typische Merkmale sind:

  • Text und Bild sind einstellbar, es wird eine serifenlose Schrift verwendet und es gibt eine Vorlese- sowie Zoomfunktion.
  • Es gibt Audiomöglichkeiten mit Untertitel.
  • Die App ist übersichtlich, bedienerfreundlich (Easy-Touch- Modus) und verständlich, das heißt es gibt keine Abkürzungen, sie ist in „einfacher Sprache“ geschrieben und hat eine/n Sprachassistent*in.

Für seine Mitarbeitenden bietet der Daimler-Konzern aktuell folgende Apps an:

  • Apps für das Geschäftshandy oder Tablets für die Meister und Mitarbeitenden.
  • Apps für das Privathandy wie z.B. das „Daimler Social Intranet“. Die Nutzung ist mittlerweile erlaubt, wenn dadurch der Arbeitsablauf nicht gestört wird.
  • App „Daimler 4 you“: News, Speiseplan, Zeitkonto, Self-Service, Reisebuchung, Firmenangehörigengeschäft, eigene Daten, Zeitwächter, Entgelt, Routenplaner, Stellenbörse, Ideenmanagement.
  • „Daimler Intranet““,

so die Daimler-Vertreterin.

DB Engineering & Consulting

„An der Umsetzung einer barrierefreien Digitalisierung arbeiten bei uns die operative Informationstechnik, der Kommunikationsbereich und der Datenschutz eng zusammen“, berichtete Silvana Schulze von der Abteilung Beschäftigungsbedingungen der Deutsche Bahn-Tochter DB Engineering & Consulting (DB E&C). Zudem habe sich die Gesamtschwerbehindertenvertrauensperson, externen Rat von Prof. Stiefelhagen eingeholt, Inhaber der Professur „Informatiksysteme für sehgeschädigte Studierende“ an der Fakultät für Informatik des Karlsruher Instituts für Technologie. Vor ein paar Jahren unterstützten so z.B. blinde Studierende von Prof. Stiefelhagen das Unternehmen bei einem Check der DB E&C-Internetseite „Arbeiten mit Handicap“. „Diese wurde durch die Studierenden positiv bewertet“, so Silvana Schulze.

Neben einer barrierefreien Internetseite und dem Einsatz geeigneter Software legt die DB Engineering & Consulting im Bedarfsfall großen Wert auf eine barrierefreie digitale Arbeitsplatzausstattung. Für einen einarmigen Bauüberwacher wurden zum Beispiel die Firmenfahrzeuge mit einer digitalisierten Steuerung ausgestattet. „Hier hat“, so Silvana Schulze „eine sinnvolle Inklusion stattgefunden: Alle Bauüberwacher kennen diese angepassten Firmenfahrzeuge und können diese entweder in der Standardvariante oder in der umgebauten Funktion nutzen“.

 

Pfizer Deutschland

Tillmann Henssler während seines Redebeitrags

Tillmann Henssler, Schwerbehindertenvertreter, Pfizer Deutschland, Foto: © LIFE e.V.

„Die zentrale Zuständigkeit für die Homepage liegt bei Pfizer Deutschland bei der Unternehmenskommunikation. Bei einer Neugestaltung oder Relaunch sind zunächst Designer und Entwickler gefragt“, führte Schwerbehindertenvertreter Tillmann Henssler aus. Sobald es um die Inhalte gehe, „müssen dann die Redakteure mit ins Boot“, so Henssler

„Die Barrierefreiheit der firmeneigenen Webseite hat Pfizer Deutschland zuletzt 2016 mit Hilfe des „Barrierefreien Informationstechnik-Verordnungs-Tests“, kurz BITV-Test, überprüfen lassen. Die BITV legt u.a. Standardanforderungen zur Barrierefreiheit auf Webseiten fest. Der BITV-Test überprüft die Barrierefreiheit von Webangeboten anhand von 50 Prüfschritten. Über ein Punktesystem können maximal 100 Punkte erreicht werden. Für die Prüfung kann eine unabhängige Stelle beauftragt oder es kann über ein Webformular eine Selbstbewertung durchgeführt werden. Pfizer hat den Test extern beauftragt.
Das Ergebnis lag bei 95,9 Punkten. Damit wurden unsere Erwartungen von 90+ bzw. das anvisierte Ziel von 92 noch übertroffen. Über das gute Ergebnis haben wir uns sehr gefreut. Uns ist aber auch bewusst, dass viel Arbeit dazugehört, das erreichte Niveau zu halten.
Der BITV-Test gibt im Prinzip die Struktur und Parameter vor, die bei der weiteren Überarbeitung und Pflege unserer Homepage für uns zu beachten sind. Eine Anleitung dazu haben wir in unser Redaktionshandbuch aufgenommen“, berichtet der Schwerbehindertenvertreter Tillmann Henssler von Pfizer Deutschland.

Danksagungen

Wir bedanken uns bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, allen beteiligten Unternehmen und Organisationen und bei unseren Gästen für die aktuellen Informationen, die zahlreichen nützlichen Tipps und Hinweise sowie den regen Austausch über ein wichtiges Anliegen.

Links mit weiteren Informationen zur barrierefreien Digitalisierung

Stiftung barrierefrei kommunizieren: www.stiftung-barrierefrei-kommunizieren.de/
 „Digital informiert – im Job integriert Di-Ji“: www.di-ji.de/index.php
 www.barrierekompass.de/
 www.t-systems-mms.com/expertise/archiv/julia-probst-spricht-ueber-barrierefreiheit-in-der-it.html
 www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Digitale-Welt/digitale-agenda.html
www.news.microsoft.com/de-de/features/digitale-teilhabe-technologie-als-schluessel-zu-einer-barrierefreien-gesellschaft/
www.digitalisierungsindex.de/digitalisierung-bundeslaender/digitalisierung-berlin/
www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/digitalisierungs-studie-deutsche-konzerne-blockieren-sich-selbst-a-1201807.html
www.bit-inklusiv.de/fluch-und-segen-der-digitalisierung/
www.de.wikipedia.org/wiki/Industrie_4.0#Herausforderungen
ww.digital.fuerstenberg-forum.de/industrie-4-0/
Unternehmensberatung myability: www.myability.org/

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Zusammenfassung der Veranstaltung als barrierefreies pdf

 

 

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